Ein Stammbaum für meine Grossmütter

Dussex, der Familienname meines Vaters, stammt aus dem Wallis. Ein Dussex der Gemeinde Ayent leistete Vorarbeit, die ich nutzen konnte. Er machte sich die Mühe, alle Namen und Daten dieser Familie zu sammeln und in einem Heft aufzulisten. Im Anhang stellte er den umfangreichen Familienstammbaum als Diagramm dar. Nur die männlichen Nachkommen wurden eingezeichnet. Die Frauen fehlen. Ich vermisse meine Tanten, meine Grossmutter, meine Urgrossmutter – meine Ahninnen, die mit Angst und Schrecken die Geburten ihrer Kinder überlebt haben oder auch nicht – in dieser Genealogie sind sie unauffindbar.

Meine Mutter ist eine Gmür von Amden, einer Gemeinde über dem Walensee im Kanton St. Gallen. Ihre Mutter Ida Gmür-Mohn hat in diese gutbürgerliche und einflussreiche Familie geheiratet. Ein Verwandter zeichnete sorgfältig und geschickt, in der Form eines Mandalas, den Stammbaum der Gmürensippe. 366 Nachkommen bilden fünf Kreise, die vom Zentrum ausgehen, einem Mann und seinen drei Frauen - die ersten zwei starben im Alter von 22 und 29 Jahren. Die dritte war meine Ururgrossmutter.

Die Herkunftsfamilie meiner Grossmutter Ida Gmür-Mohn verblasste, angesichts des Gmürenclans. Deshalb forschte ich intensiv nach den Mohn, die es heute immerhin in Australien und Neuseeland gibt. Ich fand heraus, dass mein Urgrossvater Emil Mohn, der Vater von Ida, ein uneheliches Kind war. Er trug den Namen des ersten Mannes seiner Mutter. Sie war bereits drei Jahre Witwe, als Emil auf die Welt kam. Wenn meine Tanten jeweils behaupteten, die oder der hätte ein typisches Mohngesicht, konnten sie nicht wissen, dass Emil gar nichts zu tun hatte mit der Familie Mohn. Er wurde ein Mohn, weil seine Mutter durch die Heirat Mohn hiess.

Ich zeichnete Stammbäume für die Frauen, weil ich es als ungerecht empfand, über sie hinwegzusehen. Schliesslich hatten sie die Nachkommen geboren, versorgt, erzogen und ihren Männern den Rücken für die Karriere gestärkt. Die Interessen der Frauen blieben auf der Strecke.

Dussex, the family name of my father, has its origin in the french speaking canton Wallis in the south of Switzerland. The village is called Ayent and one of the family made a huge family tree. He collected all the names and dates of birth and death in the archiv and listed them up in a book. He also designed the family, only with the men. The women were missing. I couldn‘t find my aunts, my grandmother, my greatgrandmother - my female ancestors, who had given birth to their children in pain, fear and with the risk of loosing their own life.

My mothers family is named Gmür from Amden, a village high above the lake of Walenstadt in the canton of St. Gallen, wich is in the northeast of Switzerland. Her mother Ida Gmür-Mohn married into this well situated family of great local influence. One of the family drawed a tree by hand in the form of a mandala. He started in the middle with my greatgreatgrandfather, who had been married three times. His two first wives died at the age of 22 and 29. The third was my greatgreatgrandmother. Not less than 366 souls are situated around this center.

The family Mohn of my grandmother Ida was much smaller. I therefore researched the family, which even spread out to Australia and New Zealand. I found out, that my greatgrandfather Emil Mohn, father of Ida, was born a an illegimated child. He was given the name of his mothers first husband. By the time Emil was born, his mother had been widow since three years already. When my aunts pretended that some of the family had this tipical round face of the family Mohn, they couldn‘t know, that Emil had nothing to do with this family, except for his name. He got it from his mother, who had married a Mohn.

I then started to draw familytrees for my grandmothers. I found it unfair, that they hardly existed in the genealogy of the men.

Stammbaum für Marguerite Dussex-Gaudin

Von Hand zeichnete ich einen Baum, dessen Äste in seiner Krone zusammenwachsen. Er soll die Verwandtschaft meiner Grosseltern aufzeigen. Sie hatten dieselben Urgrosseltern. Marguerite Gaudins Mutter Marie-Clothilde war eine Dussex und gleichzeitig die Cousine von Marguerites Schwiegervater Jean-de-Dieu. In den Archives de Sion fand ich meine Grosseltern Marguerite und Victor im Taufregister. Da sie beide 1906 geboren wurden, stehen sie sich auf der gleichen Doppelseite gegenüber. Sie waren Cousins zweiten Grades.

Stammbaum für Ida Gmür-Mohn

Der Stammbaum meiner Grossmutter mütterlicherseits hat zwei Stämme, die in der Mitte zusammenwachsen. Der rechte Stamm führt wegen der ungewöhnlichen Herkunft meines Urgrossvaters ein Eigenleben. Emil erhielt erst mit fünf Jahren einen gesetzlichen Vater, als seine Mutter Susanna Mohn-Strub Franz Josef Moser von Hägendorf/SO heiratete. Ob er der Vater meines Urgrossvaters war, weiss ich nicht. Diese Spur habe ich bis heute nicht verfolgt. Vielmehr hätte mich interessiert, wie meine Ururgrossmutter Susanna Mohn-Strub ihr Leben gemeistert hat mit einem unehelichen Kind anno 1857.

Familie Mohn in Australien und Neuseeland

Eine Reise nach Neuseeland und Australien, die mein Mann Simon und ich 1986 unternahmen, hat in mir die Lust an der Familienforschung geweckt. In Neuseeland lernten wir meine Cousins zweiten Grades kennen. Es sind die Kinder von Jack und Bob Mohn, die ersten Söhne von Emil Mohn Junior, dem ältesten Bruder Idas. Er und sein Bruder Fritz sind auf mysteriöse Art und Weise nach Australien gekommen. In Melbourne heiratete Emil Daphne Birtwistle, die Mutter von Jack und Bob. 1916 verliess sie mit den Kindern ihren Mann, bestieg ein Schiff nach Neuseeland und brach jeglichen Kontakt mit ihm ab. Viel später erfuhr Jack Mohn, der Erstgeborene, dass sein Vater in Melbourne eine zweite Familie gegründet hatte. Emil war längst tot, als sich Jack auf die Suche machte nach seinen Halbgeschwistern in Australien. Er hatte Glück, erwischte er doch das richtige Telefonbuch in Melbourne, einer Stadt mit drei Millionen Einwohnern. Er fand seine Halbgeschwister Ted und Nelda. Beide machten grosse Augen, als sie ihren Halbbruder zum ersten Mal sahen. Er war 68 und glich aufs Haar ihrem Vater Emil Mohn, mit dem sie immerhin zwanzig Jahre lang gelebt hatten. Jack hingegen hatte seinen Vater kaum gekannt. Als er mit seiner Mutter Australien verlassen hatte, war er nur sieben Jahre alt gewesen.

In den 40er Jahren betreute das Ehepaar Emil und Charlotte Mohn-McBride, Emils zweite Frau, den Swiss Club in Melbourne. Emil war sehr sprachgewandt. Während den beiden Weltkriegen arbeitete er als Dolmetscher in Gefangenenlagern. Als er nach dem Ersten Weltkrieg in die Schweiz reiste, besuchte er auch seine Schwester Ida Gmür-Mohn in Amden. Eine Fotografie hält dieses Ereignis fest. Erzählt wurde mir auch, dass er seine Mutter Thusnelda Mohn-Stoffler vergraulte, weil er auf der Seite der Alliierten stand. Sie aber war eine Deutsche. Wohl nach einem Streit mit seiner Mutter, kehrte er nie wieder zurück in seine Heimat. Er starb am 24. Dezember 1951 in Melbourne, 64-jährig. Simon und ich besuchten sein Grab auf dem riesigen Friedhof von Melbourne.

Wir hatten das Glück, seinen ersten Sohn, Jack Mohn, in Neuseeland näher kennenzulernen. Jack war damals ein alter, fast zahnloser Mann. Am Anfang verstanden wir ihn kaum, wurden aber schnell gute Freunde. Er war ein aufgestellter, vifer Alter mit Schalk und Humor. Als er uns in der Schweiz besuchte, 1985 und 1988, brachte er Leben in unsere Bude. Alle unsere Freunde wollten ihn kennenlernen, weil er so unkompliziert war und fürs Leben gerne Karten spielte. Bei seinem ersten Besuch begleiteten wir ihn nach St. Gallen und ins Toggenburg. In St. Gallen besuchten wir die Bavaria, das Haus, in dem sein Vater aufgewachsen war. Es gehörte der Bierbrauerei Haldengut, für welche mein Urgrossvater arbeitete. Jack lernte einige seiner Cousinen kennen, von denen er keine Ahnung gehabt hatte. Seine Halbgeschwister in Australien hatten schon früher, durch einen anderen weltreisenden Cousin, den Kontakt zur Schweiz wiedergefunden. Heute unterhalten Geschwister meiner Mutter sowie Simon und ich den Kontakt mit den australischen und neuseeländischen Verwandten.